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Heterotrophe Orchideen: Vogelnestwurz und Co.

Text: Ruedi Peter



 

Glossar: Erläuterung der Fachbegriffe

Diese vier Orchideenarten werden im folgenden beschrieben.

•    Vogelnestwurz
•    Korallenwurz.
•    Dingel
•    Widerbart

Alle vier Arten sind heterotroph, d. h., sie können mit Hilfe von Chlorophyll aus Sonnenlicht, Wasser und Kohlenstoff nicht ihren Körper aufbauen und Energie gewinnen. Sie sind lebenslang auf ein Zusammenleben mit Pilzen (Symbiose) angewiesen, sie sind extrem mykotroph, d. h. auch als ausgewachsene Pflanzen, nicht nur für die Keimung.


Vogelnestwurz (Neottia nidus-avis [L.] L. C. M. RICHARD)
Pflanze ohne Blattgrün, vollständig wächsern, gelblich braun, selten weisslich oder zitronengelb, ohne Laubblätter.
Rhizom Rundlich, dicht mit fleischigen Wurzeln umgeben, es hat vogelnestartige Gestalt (Name!).
Stängel 10-40 cm hoch.
Blätter Schuppig.
Blütenstand Reichblütig, unterste Blüten manchmal in grösseren Abständen; Fruchtknoten kahl oder mehr oder weniger dicht mit kurzen Drüsenhaaren besetzt.
Blüte Schwach nach Honig duftend; Sepalen und Petalen gleichartig ausgebildet, 4-6 mm lang, zu einem Helm zusammenneigend, mittelgross.
Lippe Bis 13 mm lang, am Grunde mit einer napfartigen Vertiefung, in welcher oft glänzende Nektartropfen erscheinen, am Ende tief zweispaltig mit spreizenden, vorn verbreiterten Lappen.
Sporn Fehlt.
Lebensraum Schattige Wälder, auf lockeren humosen Böden; vom Tiefland bis gegen 1700 m NN.
Verbreitung Europa, Kaukasus, Ural, NW-Kleinasien, gemässigtes Asien bis Korea und Japan.
Schweiz Verbreitet und nicht selten; fehlt im Tessin (ausser Südtessin).
Blütezeit Anfang Mai bis Ende Juli.
Bemerkungen Der bräunliche, in den Zellen als Körnchen gelagerte Farbstoff steht chemisch dem Chlorophyll sehr nahe. Das erkennt man unter anderem daran, dass die Pflanze beim Eintauchen in kochendes Wasser gelbgrüne Farbe annimmt.
Die vertrockneten Fruchtstände bleiben häufig länger als ein Jahr stehen und sind gut sichtbar. Unmittelbar darunter stirbt das Rhizom normalerweise ab, sodass man an dieser Stelle keine lebenden Wurzeln mehr finden kann.

Korallenwurz (Corallorrhiza trifida CHÂTELAIN)
Rhizom Korallenartig, verzweigt, ohne Wurzeln.
Stängel 7-25 cm hoch, gelblichgrün.
Blätter Am Grund meist 3 bauchige, häutige, den Stängel scheidenartig umfassende Schuppenblätter, eigentliche Laubblätter fehlen.
Blütenstand Locker, mit 4-9 kleinen, kurz gestielten, abstehenden Blüten.
Blüten Klein, Sepalen grünlich gelb, oft bräunlich rot gefleckt oder überlaufen, gegen die Spitze manchmal mit braunen oder rot purpurnen Rändern, 4-6 mm lang und 1-1,5 mm breit. Petalen etwas kürzer, mit dem mittleren Sepal einen lockeren Helm bildend, innen gelegentlich rötlich braun punktiert.
Lippe Weiss, am Grund meist mit roten, die Nektarrinne markierenden Flecken, stumpf zungenförmig, 5-6 mm lang, mit mehr oder weniger gewelltem, leicht hochgestelltem Rand, ganzrandig oder am Grund mit 2 unauffälligen zahnförmigen Seitenlappen und zwei Längsleisten.
Sporn Unmittelbar unterhalb der Insertionsstellen der beiden seitlichen Sepalen ein spornähnlicher, dem Fruchtknoten aufsitzender Wulst.
Lebensraum Schattige, humusreiche, moosige Laub- und Nadelwälder, schattige Bergwiesen, auf modernden Stämmen, auf bemoosten Felsblöcken, auf mehr oder weniger sauren, aber auch auf basischen Böden; vom Tiefland bis gegen 2200 m NN.
Verbreitung Europa (nördlich bis Grönland, fehlt in den Niederlanden und in der immergrünen Region des Mittelmeeres), Kleinasien, Kaukasus, Sibirien bis Nordchina, nördliches Nordamerika.
Schweiz Jura, Alpen, selten im Tessin.
Blütezeit Anfang Mai bis Ende Juli.
Bemerkungen Unscheinbare, kleine Pflanze. Bestand kann sehr schwanken.

Dingel (Limodorum abortivum [L.] SWARTZ)
Rhizom Kurz, dick, mit fleischigen Wurzeln, tief im Boden.
Stängel 20-80 cm hoch, stahlblau, in der Wachstumsphase einem Spargelspross ähnlich.
Blätter Scheidige Schuppenblätter.
Blütenstand Reichblütig, lang gestreckt, ziemlich locker, mit bis 25 Blüten.
Blüte Gross, weisslich violett, öffnen sich nur bei warmem Wetter. Sepalen bis 25 mm lang, seitliche abstehend, aussen grauviolett, Petalen wenig kürzer.
Lippe Bis 22 mm lang, Vorderlippe (Epichil) mit aufgebogenen Rändern, violett geadert, weisslich; Hinterlippe (Hypochil) schmal, kurz, mit hochstehenden Rändern.
Sporn Etwas länger als der Fruchtknoten, zylindrisch, dem Fruchtknoten anliegend.
Lebensraum Sonnige, warme Wälder, z. B. Eichen- und Föhrenwälder, Trockenrasen, gern auf tiefgründigen Böden, über Kalk oder Urgestein; vom Tiefland bis 1500 m NN.
Verbreitung Mittelmeergebiet, nach Norden bis Belgien, Tschechien, Polen, im Kaukasus, auf der Krim, in Südpersien.
Schweiz Jura, Wallis, Tessin.
Blütezeit Mai bis Mitte Juli.
Bemerkungen Kann bei ungünstiger Witterung unterirdisch blühen, bei ausbleibendem Insektenbesuch findet Selbstbestäubung statt, extrem mykotroph.
Häufigkeit Selten.

Widerbart (Epipogium aphyllum SWARTZ)
Rhizom Korallen- oder geweihartig, mit Schuppenblättern, bräunlich, ohne Wurzeln.
Stängel 10-30 cm hoch, weisslich oder blassgelb, alabasterartig, am Grund verdickt, nur stängelumfassende Schuppenblätter.
Blätter Scheidige Schuppenblätter.
Blütenstand Wenigblütig mit 2-6 Blüten.
Blüte Gross, weisslich, gestielt, hängend, nicht resupiniert.
Sepalen schmal, bis 15 mm lang, abstehend, blassgelb; Petalen fast gleich lang.
Lippe Bis 9 mm lang, mit aufgebogenen Rändern, mit violetten Papillen besetzt, weisslich.
Pollinien mit einem Klebkörper verbunden.
Sporn Kurz, sackförmig, wie die Lippe aufwärts gerichtet.
Lebensraum Schattige, moosige Laub- und Nadelwälder mit dicker Humusauflage, gern auf tiefgründigen Böden; von 600 bis 1800 m NN.
Verbreitung Mittel- und Südeuropa, fehlt in Gebieten mit Mittelmeerklima, Kaukasus, Himalaja, ostwärts bis Japan und Korea.
Schweiz Alpen, im Jura sehr selten, fehlt im Mittelland.
Blütezeit Anfang Juli bis Mitte August.
Bemerkungen Ohne Blattgrün, extrem mykotroph; bildet dünne Ausläufer, kann so grosse Gruppen bilden; kann lange Zeit unterirdisch überdauern.
Häufigkeit Sehr selten.

Weiterführende Information

Literatur

BAUMANN, H., S. KÜNKELE (1988): Die Orchideen Europas. Stuttgart.
BUTTLER, K. P. (1986): Orchideen. München.
DELFORGE, P. (2001): Guide des orchidées d'Europe, d'Afrique du Nord et du Proche-Orient. 2. Auflage. Lausanne.
REINHARD, H. R., P. GÖLZ, R. PETER, H. WILDERMUTH (1991): Die Orchideen der Schweiz und angrenzender Gebiete. Egg (Schweiz).
SCHMID, W. (1998): Orchideenkartierung in der Schweiz. - Journal Europäischer Orchideen 30(4): 689-858.
SUNDERMANN, H. (1980): Europäische und mediterrane Orchideen. Hildesheim.

Internet

http://www.aho-bayern.de
http://www.orchid-rhoen.de/art01.htm
http://www.orchids.de/
http://www.liparis.net/
http://ibelgique.ifrance.com/ophrys/list.htm


Ruedi Peter
Solothurnerstr. 70
4600 Olten
ruedi.peter4@bluewin.ch

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Aktualisiert 05. 03. 2009

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