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Das Wanzen-Knabenkraut in Graubünden

Autor & Fotos: Beat A. Wartmann


Einleitung

Verbreitung des Wanzen-Knabenkrautes in der Schweiz (Quelle: AGEO)Abb. 1: Verbreitung des Wanzen-Knabenkrautes in der Schweiz (Quelle: Orchideen-Datenbank der AGEO)
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Verbreitung des Wanzen-Knabenkrautes in Graubünden (Quelle: AGEO)Abb. 2: Verbreitung des Wanzen-Knabenkrautes in Graubünden (Quelle: Orchideen-Datenbank der AGEO)
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Das Wanzen-Knabenkraut (Anacamptis/Orchis coriophora)  war in der Schweiz noch im 19. Jahrhundert auch im Mittelland verbrei­tet. Die Art hat in ganz Mitteleuropa schon vor dem 20. Jahrhun­dert dramatisch abgenommen. Rückgangsursachen waren da­mals Flussbegradigungen, Stauwehre an Flüssen und damit aus­bleibende Frühjahrsüberschwemmungen, Siedlungsausbau und Trockenlegung von Feuchtwiesen (AHO 2005). Im 20. Jahrhun­dert kamen die Intensivierung der Landwirtschaft und die Luftver­schmutzung (Düngung aus der Luft!) dazu. In Wiesen, die mehr als einmal pro Jahr gemäht werden, hat die Art keine Überlebens­chance, tritt doch die Fruchtreife erst im September ein. Die Art lebt in Magerwiesen warmer Lagen, an grasigen, sonnigen Hän­gen, aber auch in wechselfeuchten Wiesen auf lehmigen bis leicht sauren Böden (Wartmann 2008).
Vor 1900 war die Art gemäss Datenbank der AGEO noch in den folgenden Kantonen vorhanden:
Genf (Troinex 1869 verschwunden), Neuenburg (Bevaix vor 1860 noch vorhanden; Boudry  um 1840 im Marais des Sagnes noch vorhanden; Cressier um 1870 noch am Ufer der Thielle; Villiers 1898 am Fuss des Chaumont noch vorhanden), Waadt (um 1880 noch vorhanden in Agiez, Concise, Crassier, Crissier, Duillier, Eysins, Lavey-Morcles, Nyon, Ollon, Orbe, Payerne, Prangins, Prilly, Renens, Trélex, Yvonand), Luzern (Schongau vor 1860 noch vorhanden) und St. Gallen (Sargans 1877 oberhalb des Schlosses in feuchter Mulde noch vorhanden, Standort 1891 zer­stört; 1891 gegen Matugg einige hundert Ex. noch vorhanden).
Zwischen 1900 und 1950 ist die Art definitiv aus den Kantonen des Mittellandes verschwunden:
Genf (Confignon 1949 am rechten Ufer der Aire verschwunden; Veyrier vor 1950 verschwunden), Neuenburg (Boudry um 1910 im Place d’Armes noch vorhanden), Freiburg (Gletterens um 1920 noch vorhanden; Saint-Aubin FR: um 1920 noch vorhan­den), Bern (Gals um 1920 im Galsermoos noch vorhanden), Solothurn (Dulliken vor 1950 am Engelberg noch vorhanden), Baselland (Laufen vor 1950 im Laufental noch vorhanden), Thurgau (Diessenhofen 1933 noch vorhanden; Schlatt 1921 in Unterschlatt/Schaarenwis noch vorhanden), St. Gallen (Buchs 1925 in den Rheinauen in feuchten Wiesen noch vorhanden).
Nach 1950 ist die Art nur noch in den Kantonen Wallis, Tessin und Graubünden verbreitet (Abb. 1). Südlich der Alpen handelt es sich in der Schweiz ausschliesslich um Vorkommen der Nomi­nat-Unterart coriophora, die Subspezies fragrans kommt in Italien nördlich bis zum Gardasee vor (Prosser, Bertolli & Festi 2009), in Frankreich erreicht fragrans im Rhonetal fast die Höhe von Genf (Dusak & Prat 2010).

Vorkommen im Kanton Graubünden

Ehemalige Vorkommen am Calanda liegen in der Maien­sässstufe, hier ob  Untervaz auf ca. 1000 m (Foto Beat Wartmann, 29.5.2010)Abb. 3: Ehemalige Vorkommen am Calanda liegen in der Maien­sässstufe, hier ob Untervaz auf ca. 1000 m  (Foto 29.5.2010)Leider ist der Rückgang der Art auch im Kanton Graubünden zu beklagen. Alte Belege ohne neuzeitliche Bestätigung liegen ge­mäss Datenbank der AGEO in folgenden Gemeinden (Abb. 2):
Brienz/Brinzauls vor 1900 in Vazerol noch vorhanden; Felsberg vor 1900 in Maiensässen häufig; Tamins, Reichenau 1844 auf etwas nassen Wiesen noch vorhanden; Untervaz vor 1900 am Calanda in Maiensässen häufig; Bonaduz in der Weihermühle 1949 noch zwei Stellen (Ruben Sutter); Chur in Prasserie und Campodels vor 1930 noch vorhanden; Flims 1942 gegen Fels­bach noch reichlich (Rudolf Gsell); Haldenstein Batänja vor 1930 (bis 1500 m), Oldis noch 1965 vorhanden (Hans Rudolf Reinhard); Mastrils um 1910 noch häufig am Mastrilserberg, Hirschau 1975 noch vorhanden (Peter Gölz); Val Bregalia 1942 oberhalb Castasegna an manchen Stellen sehr reichlich (Rudolf Gsell), Castasegna Dascciun 1981 noch 11-100 Ex. (Fredi Zemp), am 12.6.2005 Standort zerstört, durch Ziegen intensiv abgeweidet (Beat Wartmann); Soglio 1942 im unteren Bergell auf der rechten Talseite an vielen Fundstellen, 790-1120 m (Rudolf Gsell); Untervaz Bitiein 1968 noch 1-10 Ex. vorhanden (Peter Gölz), meine Kontrolle des Gebietes am 29.5.2010 verläuft negativ.
Aktuell ist das Wanzen-Knabenkraut noch in den Talschaften Mi­sox/Calancatal, Domleschg, Lugnez und Vorderrheintal/Flimser Bergsturzgebiet nachgewiesen.
Seit 2003 habe ich fast sämtliche rezenten Vorkommen kontrolliert und dabei folgendes festgestellt.

Misox/Calancatal

Das Wanzen-Knabenkraut ist in den letzten 20 Jahren an den meisten Standorten verschwunden, nur ein einziges Vorkommen hat bis 2010 überlebt.


Aktuelles Vorkommen  in Buseno, Giova auf 1500 m, Dirk Went zeigt auf eine Pflanze (Foto Beat Wartmann, 7.6.2009)Abb. 4: Aktuelles Vorkommen in Buseno, Giova auf 1500 m, Dirk Went zeigt auf eine Pflanze am 7.6.2009 Aktuelles Vorkommen  in Buseno, Giova auf 1500 m, Dirk Went zeigt auf eine Pflanze (Foto Beat Wartmann, 7.6.2009)Abb. 4 Detail: Sie ist nicht einfach zu sehen, rechts künstlich hervorgehoben.

Orchis coriophora in Buseno, Giova (Foto Beat Wartmann, 7.6.2009)Abb. 6: Orchis coriophora in Buseno, Giova am 7.6.2009 Orchis coriophora in Buseno, Giova (Foto Beat Wartmann, 7.6.2009)Abb. 5: Orchis coriophora (helle Farbtönung) in Buseno, Giova am 7.6.2009 Buseno, Giova vor 1930 vorhanden; 1970 wenige Ex. bestätigt (Magdalena Ehser-Ruckstuhl); 1992 mehr als 100 Ex. (Ruedi Irni­ger & Ulrich Senn); am 26.5. 2009 1 Ex. aufblühend in leicht feuchter Mulde, ehemalige Hauptvorkommen werden intensiv durch Schafe beweidet; am 7.6.2009 finden Dirk Went und ich in einer unbewirtschafteten steilen Böschung noch etwa 17 Ex.; daneben in einer vergandenden Fläche nur 3 Meter ausserhalb eines Gartens noch 1 Exemplar.

Cama, Roalta (Foto Beat Wartmann, 17.4.2009)Abb. 7: Cama, Roalta 1944 noch vorhanden (Rudolf Gsell); eine Kontrolle am 17.4.2009 zeigt intensive Schafhaltung am vermute­ten ehemaligen Standort. Castaneda, Piöt (Foto Beat Wartmann, 16.5.2010)Abb. 8: Castaneda, Piöt vor 1950 noch vorhanden; eine Kon­trolle am 16.5.2010 zeigt, dass die ehemaligen Mäh­wiesen heute stark vergan­det (mit Buschwald und Be­senginster) und einge­wachsen sind.

Leggia, Ridiul (Foto Beat Wartmann, 17.4.2009)Abb. 9: Leggia, Ridiul 1947 noch vorhanden (Rudolf Gsell); eine Kontrolle des Gebietes am 17.4.2009 erfolgt negativ, die ehemalige Mäh­wiese wird mit einem Trax neu terrassiert und in einen Weinberg umgewandelt. Leggia, Risera (Foto Beat Wartmann, 17.4.2009)Abb. 10: Leggia, in Risera heute (17.4.2009) in­tensive Esel-Koppelhaltung.

Lostallo, Cabbiolo, Pigneret 1992 noch 11-100 Ex. vorhanden (Ruedi Irniger & Ulrich Senn); 1994 wurde der Biotop durch Kies­abbau zerstört (Ruedi Irniger).
Mesocco, Cugias 1967 noch vorhanden (Peter Gölz); meine Kontrolle am 7.5.2009 ist negativ, das Gebiet wird intensiv durch Ziegen abgeweidet.
Roveredo, San Giulio vor 1930; das Gebiet ist heute überbaut oder intensiv bewirtschaft.
Santa Maria in Calanca:
Briagn 1993 11-100 Ex. (Magdalena Ehser-Ruckstuhl); 1996 in der Adlerfarn-Brache noch 1-10 Ex. vorhanden (Maddalena Tognola); bei meinen Kontrollen am 15.5. und 13.6.2010 konnte ich die Art nicht mehr nachweisen, der Standort ist von Adlerfarn überwuchert.
Bald (Flurname) 1982 noch 11-100 Ex. vorhanden (Jakob Rüe­ger); 1992 verschwunden wegen Aufdüngung mit Kunstdünger (Ruedi Irniger).
Salasc 1992 im oberen Strassenbord noch vorhanden (Ruedi Irni­ger); bei meinen Kontrollen am 15.5. und 13.6.2010 konnte ich die Art nicht mehr nachweisen (Orchis morio, Orchis tridentata und Orchis ustulata sind in der weiteren Umgebung noch vorhanden).
Soazza, Pomareda 1944 in Menge (Rudolf Gsell); 1992 noch 1-10 Ex. vorhanden (Ruedi Irniger, Ulrich Senn & Regina Leibbach); am 2.5.2000 ist die Art verschwunden, die Hecke entfernt, die Steine gesprengt und das Gebiet planiert (Ruedi Irniger & Walter Schmid-Fisler).
Verdabbio um 1930 noch vorhanden, 2009 habe ich kaum geeig­nete Biotope mehr gefunden, alle Wiesen werden intensiver als früher bewirtschaftet.

Domleschg

Alle ehemaligen Vorkommen sind bis auf ein einziges verschwun­den.
Paspels am Sankt Lorenzhügel 1918 noch vorhanden (Rudolf Gsell); eine Kontrolle am 21.5.2005 verläuft negativ, Orchis morio und Orchis ustulata sind noch vorhanden.
Rothenbrunnen, Ravetg vor 1930 noch vorhanden, das Gebiet liegt heute neben der A13 und wird intensiv bewirtschaftet.
Scharans vor 1930 noch vorhanden, meine Kontrollen von 2009-2011 verliefen alle negativ.
Sils im Domleschg, Carschenna um 1850 noch hunderte, keine neueren Nachweise.
Thusis, Crapteig um 1890 noch vorhanden, meine Kontrolle vom 15.7.2005 verlief negativ.


Tomils, Trans, Meunt, 1944 von Rudolf Gsell entdeckt, am 12.6.2005 35 Ex. von Christian Burri wieder gefunden, am 18.6.2006 konnte ich 56 Ex., am 25.6.2008 nur 19 Ex., am 27.6.2009 wieder 35 Ex. bestätigen.
2011 wird eine neue Zugangsstrasse nach Trans gebaut, die rela­tiv nahe an dieser Waldwiese vorbeiführt. Das Amt für Natur und Umwelt des Kantons Graubünden begleitet das Bauvorhaben eng und achtet auf den Schutz des Standortes.
Tomils, Trans (Foto Beat Wartmann, 27.6.2009)Abb. 11: Tomils, Trans, aktueller Standort am 27.6.2009 Tomils, Trans, Orchis coriophora (Foto Beat Wartmann, 27.6.2009)Abb. 12: Tomils, Trans, blühende Pflanze am 27.6.2009 Tomils, Trans, Orchis coriophora (Foto Beat Wartmann, 27.6.2009)Abb. 13: Tomils, Trans, Nahaufname.

Lugnez

Die Art ist auf der rechten Talseite am Taleingang noch vorhan­den. Das Vorkommen in Sevgein ist heute fraglich, die Vorkom­men oberhalb von Pitasch sind rezent, wobei die Zahl blühender Exemplare von Jahr zu Jahr stark schwankt.


Pitasch, Prau da Platta, Orchis coriophora Standort (Foto Beat Wartmann, 24.6.2009)Abb. 14: Pitasch, Prau da Platta, Orchis coriophora Standort am 24.6.2009 Pitasch, Prau da Platta, Orchis coriophora (Foto Beat Wartmann, 24.6.2009)Abb. 15: Pitasch, Prau da Platta, Abnorm gefärbtes Exemplar mit grüner Lippe. Pitasch, Prau da Platta 1941 bis 1230 m (Rudolf Gsell); am 17.6.2006 über 100 Ex. (Ruedi Irniger & Marianne Greminger), am 24.6.2009 konnte ich nur etwa 40 Ex. feststellen, dafür verstreute Exemplare auch in der weiteren Umgebung des Hauptvorkom­mens.

Sevgein, Prada 1944 da und dort (Rudolf Gsell); am 25.5.1995 noch über 10 Ex. (Ruedi Irniger & Albert Kurz); 2000 noch 2 Ex. festgestellt (Ruedi Irniger & Daniel Weiss).

Vorderrheintal – Flimser Bergsturzgebiet

Das Wanzen-Knabenkraut war an den warmen Südhängen der Surselva von Disentis bis Flims-Trin ehemals weit verbreitet. Auch hier hat die Intensivierung der Landwirtschaft die Art grossflächig zurückgedrängt. Trotzdem liegen die grössten Vorkommen der Art in der nördlichen Schweiz – wenn nicht sogar der ganzen Schweiz – heute in der Surselva. An etlichen Orten sind Naturschutzmass­nahmen im Gang, um das totale Verschwinden der Art zu verhin­dern.
Disentis/Mustér, in der Umgebung , z.B. Aclas da Madernal vor 1930 bis ca. 1330 m noch vorhanden (Flora von Graubünden), heute alle Gebiete intensiv bewirtschaftet.
Sumvitg 1944 noch vorhanden von 1120 bis 1190 m (Rudolf Gsell), keine rezenten Nachweise.
Trun, Darvella, Tiraun am 7.6.1981 noch 11-100 Ex., am 2.6.1991 noch 1 Ex. vorhanden, am 13.6.1992 verschwunden wegen inten­siver Beweidung durch Ziegen (Ruedi Irniger).
In Breil/Brigels war die Art einst weit verbreitet, Capeder, Plaunca am 7.6.1981 noch 11-100 Ex.; am 10.6.2006 noch 1 Ex. (Marianne Greminger & Ruedi Irniger); Dardin, Capre eine Kon­trolle durch Ruedi Irniger und mich erbrachte am 5.6.2005 noch 3 Ex., die Baumgruppen sind abgeholzt und der Standort wird be­weidet; Planezzas 1987 noch 11-100 Ex. im Strassenbord vor­handen (Helmut Eberle & Walter Lüssi); Sesvilauns 1916 im Bir­kenbestand noch vorhanden, keine rezenten Nachweise mehr; Tavanasa, Zaniz 1995 noch 101-1000 Ex.;  eine Kontrolle am 30.5.2003 durch Ruedi Irniger und mich verlief negativ, der Standort ist durch übermässige Schafbeweidung zerstört worden;
Tavanasa, Uaul la Setga 1995 noch 11-100 Ex.; eine Kontrolle am 30.5.2003 durch Ruedi Irniger und mich verlief negativ, der Standort ist durch übermässige Schafbeweidung zerstört worden.
Waltensburg/Vuorz um 1930 noch vorhanden, keine rezenten Nachweise.
Andiast 1993 in Fraissen zwischen Haselbüschen noch 1-10 Ex. (Peter Brüschweiler);  am 5.6.2005 ergab eine Kontrolle durch Ruedi Irniger und mich, dass am Standort ein Ferienhaus gebaut, die Haselsträucher entfernt und eine Rasenfläche errichtet worden war.
Ruschein Cultira 1985 noch 3 Ex. (Daniel M. Moser), das Gebiet wird heute intensiv bewirtschaftet.
Schluein Quadras am 29.5.1992 noch 11-100 Ex. vorhanden, eine Kontrolle durch Ruedi Irniger und mich am 20.5.2003 verlief negativ, der Standort wird intensiv beweidet; Spilberg am 18.6.1981 noch 1 Ex., keine rezenten Nachweise.
Castrisch Isla Sut 1980 im Rest einer Feuchtwiese noch 2 Ex. (Walter Schmid-Fisler); am 30.5.2004 verlief eine Nachsuche durch Ruedi Irniger und mich erfolglos.


Sagogn, Planezzas Sut, Orchis coriophora (Foto Beat Wartmann, 6.6.2006)Abb. 17: Sagogn, Planezzas Sut, Orchis coriophora am 6.6.2006. PSagogn, Planezzas Sut, Orchis coriophora (Foto Beat Wartmann, 6.6.2006)Abb. 16: Sagogn, Planezzas Sut, Orchis coriophora am 6.6.2006. Der Gemeinde Sagogn kommt heute eine grosse Verantwortung zu bezüglich des Überlebens des Wanzen-Knabenkrauts in der unteren Surselva. Am 6.5.2011 durfte ich in der Gemeinde Sagogn vor dem Verein Pro Sagogn einen Vortrag halten, in wel­chem ich die Verantwortung der Gemeinde für ihren Orchideen­schatz darlegen konnte. Sogar das romanische Radio war vertre­ten und hat mich interviewt. Ich habe das Wanzen-Knabenkraut als Stcazi romontsch (romanische Kostbarkeit) bezeichnet, weil es ja heute nördlich der Alpen nur noch im romanischsprachigen Raum vorkommt. Der Präsident von Pro Sagogn Dr.med. Alois Poltéra willigte sofort ein, in der Gemeinde Sagogn für das Wohl des Wanzen-Knabenkrauts besorgt zu sein. Die geplante Exkur­sion Ende Mai 2011 konnte nicht stattfinden, da in der Region Sagogn dieses Jahr die Orchideen im Mai fast ausblieben. Ich werde nächstes Jahr diese Exkursion für die interessierte Bevöl­kerung nachholen.

Sagogn, Tuora, Orchis coriophora (Foto Beat Wartmann, 5.6.2010)Abb. 19: Sagogn, Tuora, Orchis coriophora Pflanze am 5.6.2010. Sagogn, Tuora, Orchis coriophora (Foto Beat Wartmann, 5.6.2010)Abb. 18: Sagogn, Tuora, Orchis coriophora Blütenstände auf rund 1 Quadratmeter am 5.6.2010

Auch in der Gemeinde Sagogn sind nicht mehr alle ehemaligen Standorte aktuell. Insbesondere kam die Art früher am Rande der Ebene Plaun in kleiner Zahl vor. Seit der Errichtung des Golf­platzes konnte kein Nachweis mehr erbracht werden, doch ist ein Vorkommen nicht ausgeschlossen, bloss die Kontrolle etwas schwierig. Weitere Orte, wo die Art in Sagogn verschwunden ist: Vitg Dadens Pastiras am 1.6.1996 noch vorhanden (Christian Burri); am 20.5.2000 verschwunden, Wiese aufgedüngt (Ruedi Irniger & Albert Kurz); Vitg Dadens Canginas am 15.5.1996 noch 1 Ex. (Erich Mühlethaler); Planezzas Sura an Standort 1 am 24.5.1998 noch 11-100 Ex. (Ruedi Irniger & Daniel Weiss); Planezzas Sura an Standort 2 am 23.5.1994 noch 11-100 Ex. (Ruedi Irniger & Hans Wyss), am 22.5.1995 Wiese schon gemäht, die Art ist seither hier verschollen; an Standort 3 konnte ich am 6.6.2006 zusammen mit Max Reutlinger letztmals 2 Ex. nachwei­sen;  in Bargaus an einer Wiesenböschung bis 2004 einzelne Ex., danach fehlend (Erich Mühlethaler), Bargaus in einer Ecke der Wiese am 30.5.1980 noch 1-10 Ex. (Kurt Suter), am 27.5.1991 fehlend, ehemalige Magerwiese in Fettwiese umgewandelt (Ruedi Irniger).
An folgenden Standorten sind die Vorkommen in Sagogn bis in neuste Zeit vorhanden:
In Planezzas Sut in einem 10-20 m breiten, zum Schutz der Art ungemähten Streifen konnte ich am 29.5.2009 55 Ex. zählen; Planezzas Sut an einer anderen Stelle konnte ich am 6.6.2006 zusammen mit Max Reutlinger 44 Ex., am 29.5.2009 27 Ex. zählen (Abb. 16 - 17 siehe Farbteil Seite 22); in Bargaus konnte ich zusammen mit Max Reutlinger am 6.6.2006 14 Ex. zählen; in Tuora konnte ich zusammen mit Max Reutlinger am 6.6.2006 total etwa 260 Ex. auszählen (Abb. 18 - 19 siehe Farbteil Seite 23). Doch auch hier schwankt die Zahl der blühenden Ex. je nach Witterung stark. Im Jahr 2011 waren weder in Planezzas Sut, Bargaus noch Tuora überhaupt blühende Ex. zu finden, wegen der Jahrhundert-Trockenheit ein extrem schlechtes Jahr für die Art!
In Laax Salums Planezzas entdeckten Ruedi Irniger und ich am 30.5.2004 6 Ex. auf einem Privatgrundstück. Die ehemaligen Magerwiesen sind in Salums heute grossflächig mit Ferien­häuschen überbaut.
Die Gemeinde Trin gehört politisch zum Bezirk Imboden. In Mulin Er Davos wurde die Art 1979 entdeckt von H.P. Fuchs-Eckert & W. Müller; am 29.5.2005 22 Ex. bestätigt (Beat Wartmann & Dirk Went); am 24.5.2008 weniger als 10 Ex. (Christian Burri & Dorith Malär); in Ransun am 4.6.1979 noch 1-10 Ex. (H.P. Fuchs-Eckert), seither keine Nachweise.

Die Entdeckung eines Massenvorkommens
 – seine Bedrohung und Rettung

Neu betonierte Erschliessungsstrasse in Schlans, Razeil (Foto Beat Wartmann, 5.6.2010)Abb. 20: Neu betonierte Erschliessungsstrasse in Schlans, Razeil am 5.6.2010. Schlans, Razeil, Orchis coriophora Wiese (Foto Beat Wartmann, 5.6.2010)Abb. 21: Die Orchis coriophora-Wiese in Schlans, Razeil am 5.6.2010 Aufgrund der alten Angaben von Rudolf Gsell „um 1940 an den Südhängen zwischen Tavanasa und Truns jedes Jahr, meist zu Tausenden“ machte ich mich am 6.6.2009 zusammen mit Monika Disch an den Hängen zwischen Breil/Brigels und Trun auf die Suche nach weiteren Vorkommen des Wanzen-Knabenkrauts. Wir hatten schon zahlreiche Wiesen in der Gemeinde Breil/Brigels ab­gesucht und fanden vereinzelte Orchis ustulata und Platanthera chlorantha. Als wir die Strasse nach Schlans entlang gingen, suchten wir eine Wiese unterhalb der Strasse ab. Erst von dort aus fiel uns eine weitere Wiese auf, welche voller blühendem Klappertopf war. Als wir diese Wiese im Gebiet Razeil näher un­tersuchten, fanden wir zu unserer Überraschung neben zahl­reichen Gymnadenia conopsea, Orchis militaris und Orchis ustu­lata auch Orchis coriophora. Auf dieser Klappertopf-Wiese zählten wir mindestens 230 Ex., in der weiteren Umgebung kamen weitere Dutzende Exemplare dazu. Sofort meldete ich dieses Vorkommen dem Amt für Natur und Umwelt des Kantons Graubünden. Am 13.6.2009 konnte ich Dr. Joseph Hartmann die Wiese zeigen. Wir kamen überein, dass er den Bewirtschafter kontaktiert, um kon­krete Naturschutz-Massnahmen einleiten zu können. Schon bald fand er heraus, dass in Schlans eine Melioration im Gang war, weshalb auch eine neue betonierte Wirtschaftsstrasse mitten durch das Randvorkommen des Wanzen-Knabenkrauts gebaut worden war!
In der linken Strassenböschung waren 2010 noch etwa 15 Pflanzen zu fin­den, 2011 war die Böschung eingezäunt und von Lamas (!) beweidet.

Das Verhängnis schien seinen Lauf zu nehmen, hatte doch das lokale Ökobüro sich als total unfähig erwiesen und die Wiese im gemähten Zustand (!) begutachtet und keine spezielle Schutzrele­vanz festgestellt. Auch lokale Eingeweihte, die das Vorkommen kannten, reagierten nicht auf die verhängnisvolle Melioration. So blieb es dem Amt für Natur und Umwelt überlassen, mit dem neuen Besitzer zu verhandeln. Der Bewirtschafter hatte die Wiese im Glauben gekauft, daraus eine Fettwiese machen zu können. So konnte er auch im Frühjahr 2011 nicht daran gehindert wer­den, seine neue Wiese mit Mist zu düngen. Am 5.6.2010 kontrol­lierte ich die Wiese erneut und konnte etwa 350 Ex. zählen, viele davon äusserst kräftig und bis 40 cm hoch.
Zum Glück konnte 2011 mit dem Bewirtschafter aus Breil/Brigels eine Vereinbarung getroffen werden). Der Bewirtschafter erhält Auflagen: Er darf nicht mehr düngen, darf die Wiese erst spät mä­hen und muss etwa 10 Aren jedes Jahr ungemäht stehen lassen. Im Herbst ist eine Beweidung möglich. Für diese Auflagen wird er vom Kanton entsprechend des Ertragsausfalls (zur Fettwiese) entschädigt – für den Kanton eine teure Angelegenheit, die sich aber durch die Einmaligkeit des Vorkommens rechtfertigt.
Meine Kontrollen in diesem Jahr waren wenig erfolgreich, insge­samt fand ich nur etwa 10% des Bestandes von 2010, doch war dies in anderen Gebieten der Surselva in diesem Jahrhundert-Trocken-Frühling nicht anders (Abb. 25 – 26 siehe Farbteil Seite 24). Es bleibt die Hoffnung, dass die Pflanzen sich in den Folge­jahren von dieser Düngung und Trockenheit wieder erholen werden. Diese Wiese ist quasi die „letzte ihrer Art“: sie zeigt, wie häufig das Wanzen-Knabenkraut einstmals sein konnte, bevor die intensivierte Landwirtschaft die Art grossflächig zum Verschwin­den brachte. Im Auftrag des Kantons werde ich in den kommen­den Jahren die Erfolgskontrolle durchführen. Hoffen wir, dass das Wanzen-Knabenkraut in Graubünden noch lange weiterleben kann!


Schlans, Razeil, Orchis coriophora (Foto Beat Wartmann, 5.6.2010)Abb. 22: Das Wanzen-Knabenkraut wuchs 2010 in Schlans sehr kräftig. Schlans, Razeil, Orchis coriophora (Foto Beat Wartmann, 5.6.2010)Abb. 23: Einzelne Pflanzen waren am 5.6.2010 gegen 40 cm hoch. Schlans, Razeil, Orchis coriophora mit möglichem Bestäuber (Foto Beat Wartmann, 13.6.2009)Abb. 24: Ein Rosenkäfer als möglicher Bestäuber von Orchis coriophora am 13.6.2009 Orchis coriophora helle Färbung (Foto Beat Wartmann, 28.5.2011)Abb. 25: Am 28.5.2011 waren die Pflanzen (wegen der Trockenheit?) auffällig hell gefärbt, fast wie diejenigen aus dem Misox (Abb. 5). schwächliches, bereits verblühtes Wanzen-Knabenkraut (Foto Beat Wartmann, 12.6.2011)Abb. 26: Am 12.6.2011 schwächliches, bereits verblühtes Wanzen-Knabenkraut


Orchis coriophora Blüte (Foto Beat Wartmann)Dank

Ich bedanke mich bei all denjenigen, welche mich im Feld bei der Suche nach Orchis coriophora begleitet und unterstützt haben, ins­besondere Ruedi Irniger, Erich Mühlethaler, Monika Disch, Max Reutlinger und Dirk Went. Sepp Hartmann danke ich für seinen spon­tanen Rettungseinsatz und Luis Poltéra für seine spon­tane Begeisterung für den Schutz der Wanzenorchis in „seiner“ Gemeinde. Der AGEO bin ich zu Dank ver­pflichtet, dass ich die Orchi­deen-Datenbank benutzen durfte.

Literatur:

Dusak, F. & D. Prat (2010): Atlas des Orchidées de France. Mèze : Biotope.
Prosser, F., A. Bertolli & F. Festi (2009): Flora illustrata del Monte Baldo. Rovereto: Osiride.
Wartmann, B.A. (2008): Die Orchideen der Schweiz, ein Feld­führer. Bern: Haupt.

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Aktualisiert 05. 10. 2011

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